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Versagen bei Polizeinotruf: Tödliche Versäumnisse bei Terroranschlag in Hanau?

Archivmeldung vom 28.01.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 28.01.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch André Ott
Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de
Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de

Als ein rassistischer Attentäter am 19.02.2020 in Hanau neun Menschen ermordete, war der Polizeinotruf überlastet und offenbar nicht ausreichend besetzt. Das zeigen Recherchen des ARD-Magazins MONITOR, des Hessischen Rundfunks und des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Zahlreiche Zeugen und Betroffene kamen unter der Notrufnummer 110 nicht durch, darunter ein späteres Todesopfer.

Polizeiexperten sprechen von einem schweren Versagen, durch das die Möglichkeit eines schnelleren Eingreifens verhindert worden sei. Eine Dokumentation der Notrufe zeigt, dass während der Tatzeit zwischen 21:55 Uhr und 22:09 Uhr gerade einmal fünf Anrufe über den Polizeinotruf 110 registriert wurden. Offenbar sind aber viele Notrufe nicht durchgekommen. Zahlreiche Zeugen berichten unabhängig voneinander, dass die 110 während der Tatzeit nicht erreichbar gewesen sei.

Unter den Anrufern, die mehrfach erfolglos versuchten, die Polizei zu erreichen, war auch der 22-jährige Vili-Viorel Paun. Während er den Attentäter in seinem Auto verfolgte, wählte er mehrfach erfolglos den Polizeinotruf, wie sich aus seinen Handydaten entnehmen lässt. Wenig später wurde er vom Täter erschossen. Danach ermordete dieser weitere Opfer in einem Kiosk und einer Bar.

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, spricht gegenüber MONITOR von einem schweren Versäumnis: Es sei "nicht unwahrscheinlich", dass man mit mehr Kenntnis von Zeugen auch "Gelegenheiten gehabt hätte, nachfolgende Taten noch zu verhindern."

Das Polizeipräsidium Südosthessen räumte auf Nachfrage ein, es sei "bei sehr hohem Anrufaufkommen" nicht auszuschließen, dass "Notrufe im Einzelfall nicht direkt angenommen werden können". Dass es sich angesichts lediglich fünf angenommener Anrufe im Tatzeitraum nur um Einzelfälle handelt, scheint indes fraglich. So konnten in der Tatnacht nach den vorliegenden Dokumenten nur an zwei Apparaten Notrufe entgegengenommen werden, und auch diese waren offenbar nicht durchgängig besetzt. Eine Rufumleitung zu einer Leitstelle war nicht eingerichtet. Zudem wurden zahlreiche erfolglose Anrufversuche in der Tatnacht nicht einmal registriert oder aufgezeichnet. So wurde im unmittelbaren Anschluss an den Terroranschlag im Zeitraum von über einer Stunde nicht ein einziger Anruf mit Tatbezug registriert.

All das sei "zutiefst irritierend", sagt Sebastian Fiedler. Notrufe müssten von professionellen Leitstellen entgegengenommen werden. Umleitungen dorthin seien "eigentlich seit Jahrzehnten Standard". Wie es dazu kommen konnte, dass das ausgerechnet in Hanau nicht der Fall war, müsse aufgeklärt werden.

Aufklärung fordert auch die Fraktionsvorsitzende der SPD im Hessischen Landtag, Nancy Faeser: "So etwas darf nicht passieren. Wie kann es sein, dass im Jahre 2020 Polizeibehörden mit völlig aus der Zeit gefallenen Notrufsystemen arbeiten?" Die hessischen Behörden müssten die Vorgänge nun aufklären, so Faeser. "Was ist in der Nacht schiefgelaufen? Was wird dafür getan, dass das besser wird?"

Behoben ist das Problem der Überlastung bei hohem Anrufaufkommen in Hanau auch ein Jahr nach dem Attentat offenbar nicht. Die Polizei teilt auf Nachfrage nur mit, ein "Überleitungssystem" für Notrufe sei "geplant".

Quelle: WDR Westdeutscher Rundfunk (ots)


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