Was von den Etruskern blieb
Archivmeldung vom 18.08.2007
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Freigeschaltet durch Thorsten SchmittSan Gimignano macht als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Italiens von sich reden. Insbesondere die Geschlechtertürme, von denen noch 15 der einst 72 erhalten sind, werden als "Manhattan des Mittelalters" weltweit gerühmt und gehören - wie die gesamte Altstadt - seit 1990 zum Weltkulturerbe.
Erstmals im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnt, war die Stadt in der Toskana
jedoch bereits von den Etruskern besiedelt, deren Herrschaftsgebiet nach der
Eroberung durch die Römer im Imperium Romanum aufging.
"Während die
Rolle der Stadt und ihrer Umgebung im Mittelalter gut erschlossen ist, ist deren
Bedeutung in der Antike nahezu unbekannt", sagt PD Dr. Günther Schörner vom
Lehrstuhl für Klassische Archäologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Licht in dieses Dunkel sollen nun archäologische Untersuchungen eines Teams von
deutschen und italienischen Forschern bringen - beteiligt sind daran in erster
Linie Dr. Dennis Graen, ebenfalls vom Jenaer Lehrstuhl für Klassische
Archäologie, und Thomas Schierl, Römisch-Germanische Kommission des Deutschen
Archäologischen Instituts in Frankfurt am Main. Bei dem von der Jenaer
Universität und der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt gehe es vor allem
darum, die ländliche Siedlungsstruktur von der etruskischen bzw.
mittelrepublikanischen bis in die ausgehende Kaiserzeit zu erforschen, ein
Zeitraum von annähernd tausend Jahren - vom 4. Jh. v. Chr. bis zum 5. Jh. n.
Chr.
Die Zeit davor und die danach seien mit einer Fülle von Material gut dokumentiert, sagt Schörner. "Wir wollen versuchen, diese Lücke zu schließen", betont der Altertumswissenschaftler. "Brennend interessiert uns dabei, welchen Wandlungen die etruskische Kulturlandschaft mit ihrer Integration in das Römische Reich unterlag", macht er deutlich. Mit der Konzentration auf den ländlichen Bereich des etrurischen Binnenlandes wollen die Wissenschaftler über die "deutlicher von römischer Kultur dominierten städtischen Zentren und Küstenbereiche" hinaus auch "die durch Landwirtschaft und Kleingewerbe geprägte Region" archäologisch erforschen.
Sieben Archäologen werden ab 27. August
für drei Wochen bei San Gimignano graben. Zwei Geographen, darunter Dr. Heike
Schneider vom Lehrstuhl für Physische Geographie der
Friedrich-Schiller-Universität, wollen anhand von Pollenanalysen die
Landschafts- und Vegetationsveränderungen während der römischen Landnutzung
näher bestimmen. Der vorgesehene Grabungsort, die Flur 'Il Monte', habe bei den
bereits seit 2004 an drei Stellen unweit der Stadt laufenden Vorarbeiten -
inklusive geophysikalischer Erkundung - bislang die reichsten Funde für das
gesamte Zeitfenster der tausend Jahre geliefert, begründet Dr. Schörner die Wahl
des Ortes. Grobkeramik, Amphoren und Ziegel einerseits, Fragmente einer
Marmorplatte, die für Etrurien typische schwarze Bucchero-Keramik und größere
Mengen von Terra sigillata, einer bestimmten Form römischen Tafelgeschirrs,
kennzeichnen nach Worten des Archäologen zwei Zonen. Während die einen auf
landwirtschaftliche Produktion hinwiesen, würden die anderen Stücke auf einen
repräsentativen Wohnbereich deuten. Als "erstaunlich umfangreich" bezeichnete er
die Keramikfunde, unter denen sich auch Importe aus Afrika, Griechenland und
Süditalien fänden und die die lange Zeit der Besiedlung veranschaulichten.
In der diesjährigen Kampagne wollen die Forscher nun - zunächst auf
einer Fläche von etwa 70 Quadratmetern - in die Tiefe gehen. "Wir erwarten eine
Präzisierung der bisherigen Befunde und hoffen darüber hinaus, auch Architektur
zu finden." Damit wollen die Jenaer Archäologen den Charakter der Befunde näher
bestimmen, die bislang entdeckt wurden. Dr. Schörner geht dabei von einem
"relativ ausgedehnten" Siedlungsplatz aus.
Die Wissenschaftler hoffen, mit ihren Forschungen das bisherige Bild dessen, was im Zuge der Romanisierung in der Region um San Gimignano geschah, revidieren zu können. "Bisher herrscht die Meinung vor, mit dem Ende der etruskischen Selbstverwaltung seien auch deren Siedlungen verschwunden, die Landschaft im Umkreis von San Gimignano leer und wüst gewesen. Mit unseren Funden wird beweisbar, dass das so nicht stimmt", freut sich der Leiter des Forschungsprojektes.
Quelle: Pressemitteilung Informationsdienst Wissenschaft e.V.